Optimiert und sozial im Blockrandgebiet

Wir haben uns in bisher 8 Postings ausgiebig im Blockrandgebiet der Belle Epoque getummelt. Die gegen Ende des 19. Jahrhunderts aufblühende Stadt beschäftigte immer mehr Personen und diese benötigten, wie heute wieder aktuell, bezahlbaren Wohnraum. Am 9. Februar 2025 berichtete «zuerivitruv» über den «Roten Block» am strahlenförmigen Röntgenplatz. Hier kommt er unter neuer Optik daher. 

Warum überhaupt diese Reihe über «Blockrand»? Weil das Einsehen immer grösser wird, dass wir energetisch und sozial bessere Wohnformen brauchen als abgehobene Turmwohnungen, die dann auch noch zu teuer werden. Bezüglich Dichte ist längst dargelegt worden, dass mit Blockrandbebauung gleiche, oder grössere Dichte erreicht wird. Aus diesen Gründen gewinnt «Blockrand» wieder an Aktualität. Alle grossen Namen des Städtebaus, wie Jan Gehl, Vittorio Magnago Lampugnani* und Jürg Sulzer sehen und beschreiben seine Möglichkeiten. Die bisherigen Beispiele haben uns eine Vielfalt von Situationen gezeigt; alle im Prinzip «Blockrand». 

Zurück zum 1920 erbauten Roten Block: Nach aussen wirkt die strenge Form zwischen zwei Strassenstrahlen am Platz, nach innen der dreieckige Hof. 1980 beginnt die Kaskade der Verbesserungen. Nach Feststellung einer Frequenz von täglich 14’000 Autos, brachte die Sperrung der Durchfahrt über den Röntgenplatz einen Quartierplatz in der Mitte des Strassensterns. 2015 verbesserte die Genossenschaft mit einer hofseitigen umlaufenden Raumschicht die Grundrisse aller Wohnungen. Man sagte noch «B» mit einer mehrstöckigen Pergola in einem Teil des Hofes. Heute steht der ehemals strenge, disziplinierende und 10 Gebäude umfassende Blockwinkel auch in sozialer Hinsicht prächtig da. Im Vorgelände der Platz mit Regenpavillon und im Innenhof die geschützten Freiräume mit der Pergola.

*neuster Artikel NZZ 11. April 2026 S. 36 «Städte brauchen einen Autor»

Virtuos im Blockrandgebiet

Da es noch einiges zu sagen gibt, kommt das Metropol zu einem zweiten Posting. Bisher ging es darum, wie das Metropol den hohen Rang im Stadtgewebe errungen hat. Jetzt sehen wir uns zuerst einmal die Solidität des kommerziellen Konzepts an: Fünf Treppenhäuser erlauben es, 1 Abschnitt, oder bis zu deren 4 zu mieten. Im Erdgeschoss wurde für ein Geschäft zusätzlich zur Ladenfront ein darüberliegendes Mezzaningeschoss möglich. Dort, wo das Gebäude in Richtung See eine Arkade anbietet, ist diese zweistöckig. Wer sich an die Kopieranstalt «Fotoplast» auf der Seite der Fraumünsterstrasse gegen das letzte Jahrhundert erinnert, konnte noch den Werkstattbesuch im Mezzanin erleben, und von dort von oben herab den Einblick in die Arkade. Ein grossartiges Erlebnis, das dem Haus «Seele» gibt. Beim Kappelerhof, zwei Postings zurück, konnten wir schon auf eine andere Art interessante Komplexität feststellen, die der Stadt Mehrwert bringt. Der Architekt Heinrich Ernst hat alles zusammen gross gedacht. Er sei an der ETH der talentierteste Schüler von Gottfried Semper gewesen, um 1860 einem der besten Architekten nördlich der Alpen. Ernst hatte das Talent, aus allem etwas Brillantes zu machen: Das Rote Schloss und die grossartigen Rämistrassehäuser, wo er die lange Hauszeile auf Seite Altstadt als «Stützmauer» des Hangs ausbildete. 

Eine Bayerische Bierstube und ein Café wirkten nach aussen zu den Trottoirs hin und ein überhohes Restaurant möblierte den Innenhof. Dieser wäre bei 6 Etagen auf Strassenniveau unten zu eng geworden. Daraus können wir eine komplexe in jeder Hinsicht durchoptimierte «Maschine» erkennen. Nach der vorletzten Jahrhundertwende liess mit den zwei grossen Kriegen wahrscheinlich Konjunkturpech das aufwendige Metropol zurückfallen. Es wurde verspekuliert und schlussendlich von der Stadt aufgekauft und inzwischen mehrfach vorbildlich renoviert.

Perle im Blockrandgebiet

Das «Metropol», 1892 erstellt, weist als Skelettbau einen für die damalige Zeit erstaunlichen Fensteranteil von etwa 80% auf, die rechts angrenzende (ehemalige) Fraumünsterpost von lediglich 20%. Die Post erinnert mit ihren schweren Mauern an die dem Mittelalter entronnenen florentinischen Paläste der Frührenaissance. Erstaunlicherweise ist die Post 6 Jahre jünger als das Metropol, das Ungesehenes in jeder Beziehung nach Zürich brachte. Es sind Welten, die gemeinsam einen Strassenblock bilden.  

Mit dem Metropol erhielt Zürich das erste reine Geschäftshaus. Auch das Geschenk an das Stadtbild mit der interessanten Höhenteiligkeit der Fassade und deren Bekrönung mit den Rokoko-Türmen ist gross. Von unten nach oben: das Doppelpaket von Erdgeschoss plus Mezzanin, dann die drei Büroetagen mit Erkern oder Balkonen und als oberen Abschluss ein Dachgeschoss mit den Rokoko-Türmen. Die lebhafte Dachsilhouette sorgt für die Fernwirkung des Gebäudes und bereichert das Stadtbild. Dank der Abschrägungen der Erker, gibt es immer Fenster, die spiegeln. Auf dem Foto (SPPA Architekten) deutet die spiegelnde Seeseite der Erker auf eine Morgenstunde.

Der bekannte Architekt der Renaissance Andrea Palladio (1508-80) wäre erfreut, denn seine Forderung an ein Gebäue, es müsse «ornamento alla città» sein, ist mehr als erfüllt. Wir küren das Metropol zur Perle der Zürcher Blockrandbauten.

Blockrand kann die Stadt bereichern

Dass «Haussmann-Paris», das ja bereits 1853 startete, auf Zürich wirkte, ist wahrscheinlich. Jedenfalls bietet der Kappelerhof auf Seiten der Dreikönigsstrasse interessante und ausdrucksstarke Ansichten. Drei Gebäude unterschiedlicher Architektur bestreiten diese Seite des Blocks. Alle weisen eine zweistöckige Sockelzone mit Erd- und Mezzaningeschoss auf. Jedes auf seine Weise. Das gibt den Strassenfassaden eine interessante Höhenteiligkeit: 2 Etagen für Handel + 3 für Wohnen + 1 als Attika. Auf Seite der Fraumünsterstrasse bildet der «Löwensteig» die Ecke des Baublocks und an der Bahnhofstrasse, der Lage entsprechend, mit den hohen Bögen prominenter, der «Gryffenberg».

Bemerkenswert ist der Hof, der mit zweistöckigen Arkaden auch das Innenleben in Schwung bringen will. Jede der vier Seiten steuert einen Zugang bei. Das ist das sehr urbane «Sowohl-als-auch»: Jede Parzelle/Eigentum/Architektur steht zwar für sich, doch bilden sie gemeinsam die Gesamtform mit den Durchgängen zu den umliegenden Strassen. Wir ahnen: wenn es mehrschichtig ist – wenn mehrere Bauherren dieselbe Grossform tragen – entsteht Mehrwert für Stadt und Eigentümer. Dann trägt wertvolle Architektur die Stadt. Eine Frage von heutiger Aktualität: Gab es einen Stadtbaumeister als Dirigent oder Motivator? War es guter Wille oder Bildung der Bauherren und Architekten anlässlich der Parzellierung? War es ein Geist, der damals die Stadt erfasst hatte? Eine Frage für das Baugeschichtliche Archiv der Stadt Zürich.

Blockrand ist flexibel

«Neues Schloss» heisst die 1934 erstellte Blockrandbebauung zwischen der Stocker- und der Tödistrasse. Sie besetzt die Hälfte des Baublocks und nimmt die Tradition der noblen Schlösser, dem Roten und dem Weissen aus den 1890er Jahren nach Jahrzehnten wieder auf. «Modern» ist das «Apartment House» im freistehenden Eckbau. Einen herrschaftlichen Ton bringt der drei Etagen hohe im Bild gerade noch sichtbare Torbau. Diese im Charakter urbane Aktion stellt sich der Stadtflucht des Wohnens – dem Einfamilienhaus für das gesunde Aufwachsen der Kinder – als stolze Alternative entgegen. Einer ähnlichen Regung folgt das Wohnhotel «Frascati» am rechten Seeufer. 

Zurück zum Thema «Blockrandbebauung»: Sie kann als eines der erfolgreichsten Innenstadtmuster gesehen werden, denn sie verbindet grosse Dichte mit menschlichen Qualitäten. Im Unterschied zum Hochhausturm bleiben die Etagen immer in einem Bodenbezug. In diesem Spannungsfeld findet das urbane Leben statt. Dieser Bezug lässt sich durch bauliche Qualitäten ausgestalten. Bei Haussmann / Paris ging das durch Vorschrift: Erdgeschoss und Mezzanin in Skelettbauweise sprechen mit dem Boulevard, darüber drei Etagen fürs Wohnen, dann ein zurückgesetztes Attikageschoss für das Gesinde – heute als Penthouse begehrt. Paris ging so weit, dass der Architekt im Mezzanin mit Namen und Baujahr, in Stein gehauen, unterschreiben musste.

Das sind nicht lästige Vorschriften, sondern Regeln, die bei Einhaltung durch alle, der ganzen Stadt und damit wieder allen einen gewaltigen Schub gibt. Paris wurde denn auch gegen Ende des 19. Jahrhunderts zur schönsten Metropole der Welt.

Blockrand ist konkurrenzfähig

Im letzten Posting ist in den ersten Zeilen auf das Blockrandgeviert des Stockerhofs hingewiesen worden. Doch die entsprechende Luftaufnahme fehlte, was hier mit dem Bild links nachgeholt sei. 

Das zweite Bild zeigt in einem grösseren Ausschnitt oben links – am langen Schatten erkennbar – die Hochhausüberbauung «Zur Palme» am diagonal verlaufenden Bleicherweg. Damit sind wir bereits in der Kontroverse «Blockrand gegen Hochhaus» geraten. Etwas unfair ist, dass die Blockrandbebauung Stockerhof den Innenhof unüblicherweise eingeschossig überbaut hat. Doch die Aussenfassaden sind wie üblich durch das Trottoir in direktem (urbanem) Kontakt mit dem klar definierten Strassenraum. Die «Palme» rafft das Volumen zusammen, treibt es in die Höhe und schafft am Bleicherweg eine offene Vorzone. Die zurückgenommene Ladenzone mit der gut sichtbaren gedeckten Parkierung im 1. Obergeschoss entfernt sich vom Trottoir und bringt dadurch die Läden in Schwierigkeiten. In der Bilanz bringt der Volumenhandel eher Nach- als Vorteile. Die gewonnene Aussicht muss dem Büromieter die 20-40% höheren Kosten des Hochhauses wert sein.

Das ist die heutige Sicht. Die damalige in den Jahren 1955-64 war eine ganz andere. «Aufbruch / Amerika / Hochhaus / Automobil» stand bei der «Palme» im Vordergrund. Daraus entwickelte sich das Leitmotiv einer quasi autarken Einheit im Stadtgewebe: Läden, Büros, zugehörige Parkierung und eigene Tankstelle.

1984 kam es zufolge einer zu zufällig gestreuten Hochhausproduktion, die nicht die Qualität der Palme (mit gestalteter Gebäudesilhouette) aufwies, zu einer Volksabstimmung, die dem Hochhausbau in der Innenstadt ein Ende bereitete.

Blockrand ist erneuerbar

Die verschwundenen Vorgängerbauten – 5 Villen an der Längsseite Richtung Uetliberg (links) leisteten sich mit gemeinsamem Tennisplatz eine luxuriöse Ausnahme im Blockrandgeviert. Auf dem Bild sehen wir eine sehr urbane Neuerschaffung der Blockrandidee: den Stockerhof, erbaut 1996 von Architekt Ralph Bänziger. Ein Totalunternehmer – wie sie heute üblich geworden sind – konzipierte an Stelle von etwa 15 aneinandergereihten Parzellen, die hier im Quartier üblich wären,  eine grosse C-Form als ein ganzes Gebäude. Die Lücke des «C» hat die Stadt Zürich zum Schutz der grossen Blutbuche zur Bedingung gemacht. «Urban» heisst hier ein hohes Erdgeschoss, darüber drei Büroetagen. Dann kommt die Weiterführung der Fassade in der fünften Etage als Kulisse (ohne Fenster) und dahinter zurückgesetzt zweistöckige Attikawohnungen mit Dachterrassen. Den zu erwartenden gemeinsam nutzbaren Innenhof konsumiert ein nobles Fitness-Center. Das Ganze: stringent – nobel – kolossal – klassisch.

Kulturelle Einstufung: Es war 1996 die Wiederanknüpfung an das historische Rote-, Weisse-, und Utoschloss am Ende einer Zeit der Stadtflucht ins Einfamilienhaus – nobles Wohnen im Stadtzentrum, wie es in den Grossstädten Paris, Madrid, New York schon immer üblich war.

Blockrand ist praktisch

Die Bilder zeigen den 4. Baublock ab dem Bahnhof Enge und seinem vorgelagerten Tessinerplatz an der Kreuzung von Gotthard- und Stockerstrasse. Aus der Luft können wir stadtseitig die parzellenweise Bebauung ausmachen und seeseitig das grosse C des Roten Schlosses, das nur so tut, wie wenn es aus aneinandergereihten Parzellen zusammengesetzt wäre. 

Schauen wir auf den Baustil, verharrt das Rote Schloss mit seinen roten Storen und der grössere Teil des Gegen-Cs noch im 19. Jahrhundert. Doch der Eckbau – gut an seinen Balkonen erkennbar – schafft es bereits in den Jugendstil. Der Umbruch liegt zwischen 1900und 1905. Unten rechts sehen wir den zu dieser Zeit im Quartier entstandenen Überschwang an Material und Dekor. Das war Konkurrenz und Wettbewerb zugleich. 

Wenn hier schon Werbung für die Blockrandbebauung gemacht wird, dann sei das Wichtigste gesagt: Die Bauten folgen dem Aussenrand des Gevierts und erreichen dadurch eine Maximierung von Bauvolumen und städtischer Dichte ohne in die Höhe gehen zu müssen. Von selbst entsteht ein innerer Freiraum, der auf viele Arten genutzt werden kann.

Es ist bereits genug erzählt, um einerseits festzustellen, was die (europäische) Blockrandbebauung zu leisten imstande ist und anderseits welchen Reichtum sie zur Bereicherung der Stadt beitragen kann.